Warum ist die englische Rechtschreibung so kompliziert?

Als weltweit eingesetzte internationale Sprache hat Englisch viele Vorteile, nicht zuletzt weil es vergleichsweise leicht zu erlernen ist.

Hauptwörter haben nur ein Geschlecht, so heißt es „the little girl” statt „la niña” (Spanisch) oder „das Mädchen”. Die Fälle sind (im Gegensatz zu vielen slawischen Sprachen und Latein) relativ einfach und es gibt kaum Deklinationen, an die es sich zu erinnern gilt (I walk, you walk, they walk, usw.).

Andrerseits ist die englische Rechtschreibung sehr kompliziert und sehr oft unlogisch. Man spricht die Wörter nicht aus wie sie geschrieben werden.

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Photo: crdotx

Haben Sie sich schon einmal gewundert warum die Buchstaben „ough” so verschieden ausgesprochen werden (/oʊ/ für „though“, /uː/ füR „through“, /ʌf/ für „rough“, /ɒf/ für „cough“, /ɔː/ für „thought“, /aʊ/ für „bough“, /ə/ für „thorough“)?

Und warum gibt es so viele stumme Konsonanten, die nicht ausgesprochen werden, wie das „k” in „knee“ und „knock“? Oder das „h“ in „ghost“? Warum können die Buchstaben „bow” je nach Aussprache zwei völlig andere Bedeutungen haben? Und warum schreiben die Briten und die Amerikaner dasselbe Wort anders?

Sie werden bestimmt gerne erfahren dass die Leute seit ebenso langer Zeit mit der englischen Rechtschreibung kämpfen wie mit dem Versuch, Englisch korrekt niederzuschreiben.

Erste Versuche, Englisch zu schreiben

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Nachdem die Römer Britannien im fünften Jahrhundert verlassen hatten drangen zahlreiche germanische Sippen ins Land ein und ließen sich in England nieder. Sie brachten eine Sprache mit, welche die Basis des modernen Englisch formte. Das römische Alphabet, das heute im Gebrauch ist  wurde erst eingeführt als der christliche Missionar Augustin von Canterbury 597 n. Chr. ankam.

Augustins Missionare benützten das römische Alphabet um die Sprache, die sie hörten, aufzuschreiben. Doch das Alphabet hatte nur 23 Buchstaben – und es gab ungefähr 35 Laute. Die Christen liehen sich einige Runen Buchstaben aus, um die Laute zu beschreiben, so zum Beispiel „ð“ das man heute immer noch im Isländischen findet. Doch die unausweichliche Zusammenstellung von römischen Buchstaben führte zu zahlreichen Ungereimtheiten.

Damit begannen die Schwierigkeiten mit der englischen Rechtschreibung…

Normannen

Als die Wikinger im 8. Jahrhundert England eroberten war es eher wahrscheinlich dass sie verstanden was die Angelsachsen sagten. Denn die germanischen Sprachen – dazu gehört auch jene der Wikinger – waren damals näher mit der englischen verwandt als sie es heute noch sind.

Doch die Normannen, die im Jahre 1066 eindrangen sprachen Französisch. Und hatten keinerlei Lust, Englisch zu lernen.

Über die nächsten zwei Jahrhunderte war Französisch die Sprache der englischen Aristokratie, der Regierung und der Rechtsprechung. Viele Aristokraten bemühten sich gar nicht, Englisch zu lernen. Warum sollten sie auch?  Doch das Volk sprach weiterhin Englisch.

Als die Normannen die Normandie verloren und … mmh … englisch wurden wechselten sie zur englischen Sprache über, der Sprache des Landes, das sie nun beherrschten. Doch Englisch war seit über 200 Jahren kaum geschrieben worden; alle offiziellen Texte waren auf französisch verfasst worden und alle Dokumente in Zusammenhang mit Universitäten und Kirche wurden lateinisch geschrieben. Die Kopisten versuchten also, aufzuschreiben was sie hörten und waren dabei ziemlich inkonstant.

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Sie brachten die französische Rechtschreibung in die englischen Wörter ein. Damit wurde aus „cwen” „queen”, aus „cirice” wurde „church“ und das „c“ wurde anstatt des „s“ in Wörtern wie „cell” und „circle”. Sie hatten auch Mühe mit der handschriftlichen Wiedergabe der Buchstaben „u“, „v“, „n“ und „m“, die alle sehr ähnlich aussahen. Und sie ersetzten das „u“ durch ein „o“ in den Wörtern wie “done” und “come”.

Zur selben Zeit wurden tausende französische und lateinische Wörter in die englische Sprache eingebracht. Die Kopisten behielten die ursprüngliche französische Schreibweise für einige Wörter (table, double, centre) änderten jedoch die Schreibweise einiger anderer (z.B. beef, battle, government, mountain) um die englische Aussprache der Wörter wiederzugeben.

Für die englische Rechtschreibung war das eine wilde Zeit. Das Konzept der „richtigen“ Schreibweise gab es noch nicht wirklich und viele Leute sprachen die Wörter außerdem gemäß ihrem lokalen Dialekt aus.

Die Druckerpresse

Als William Caxton 1497 die Druckerpresse nach England brachte wurden die englische und französische Sprache ausgiebig und wahrhaft miteinander vermischt. Zum Beschreiben der Konzepte, die in der Renaissance gültig waren füllte sich die englische Sprache mit neuen fremden Wörtern auf, denn die Menschen entdeckten die klassischen Texte neu und wurden offen für neue Ideen, für welche es im Englischen keine Wörter gab. Im Gegensatz zu vielen Sprachen übernahm die englische unbeschwert Wörter aus anderen Sprachen, oftmals sogar ohne zu versuchen, sie offiziell zu anglisieren.

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Die unregelmäßige Schreibweise war ein Problem für die Drucker, die nach Beständigkeit strebten, sich gleichzeitig jedoch eine möglichst große Anzahl Leser sicherstellen wollten. Und welcher Dialekt sollte die Basis für das geschriebene Englisch werden? Sie entschieden sich für das Londoner Englisch von Chaucer, dessen Geschichten über Canterbury das erste gedruckte Buch in England war. Auf der British Library Webseite gibt es ein digitalisiertes Exemplar davon.

Die Einführung des Druckprozesses brachte die Idee einer korrekten Rechtschreibung mit sich. Doch damit kamen ebenfalls einige neue Schwierigkeiten für die englische Schreibweise auf. Weil viele Drucker Holländer waren benützten sie die holländische Rechtschreibung für Wörter wie „ghost”, „aghast”, „ghastly” und „gherkin”, die heute noch ihr stummes „h“ aufweisen. Andere Wörter wie ghospel, ghossip und ghizzard haben ihr holländisches „h“ im Laufe der Jahre verloren.

Außerdem war Caxtons Timing für die nachfolgenden Generationen von Englisch Sprechenden eher unglücklich…

Die große Verschiebung der Vokale

Die Druckpresse gab der englischen Sprache den Anstoß zur Vereinheitlichung. Die englische Aussprache andrerseits war alles andere als stabil und das Jahrhundert nach der Einführung der Druckpresse sah bedeutende Änderungen in der Art und Weise, wie Englisch gesprochen wurde.

So wurden zum Beispiel bei Erscheinen der Druckerpresse Wörter wie „he”, „she”, „knee”, „name”, „fine” und „be” gemäß der schriftlichen Form ausgesprochen. Ungefähr so wie ein Deutscher heute diese Wörter aussprechen würde. Doch im darauffolgenden Jahrhundert glich die Aussprache immer mehr jener, die heute von den Engländern angewandt wird. Niemand weiß genau warum.  Die neue Aussprache hatte hingegen keinen Einfluss auf die Schreibweise.

Zu diesem Zeitpunkt enthielt die englische Sprache viele ungewöhnliche  Arten der Aussprache und stumme Buchstaben. Und die Situation wurde auch nicht besser durch…

Die Wissenschaftler

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Englisch ist unter den weltweit gesprochenen wichtigsten Sprachen einzigartig weil es keine Akademie besitzt, die aufzeigt wie die Sprache sich entwickeln sollte.

Die Académie française, zum Beispiel scheint heute die meiste Zeit aufzuwenden, englische Wörter aus der französischen Sprache herauszuhalten.Das ist wirklich witzig wenn man bedenkt, wie viele englische Wörter aus der anderen Richtung kamen…

Das Fehlen einer offiziellen Akademie ist zweifellos einer der Gründe für die Komplexität der englischen Rechtschreibung.

Vor allem im 16. und 17. Jahrhundert brachten viele Wissenschaftler neue Ideen zur Verbesserung der englischen Sprache ein. Einer unter ihnen schlug vor, die Aussprache einiger Wörter auf die klassischen Wurzeln eben dieser Wörter zurückzuführen. So wurde zum Beispiel dem Wort  „debt“ ein „b“ zugeführt um dessen Verbindung mit dem lateinischen „debitum“ nachzuweisen. Bis einher wurde das Wort als „dette” geschrieben und ausgesprochen. Ein „b“ wurde auch in “doubt” (von “dubitare”) eingefügt. „Rime“ wurde zu „rhyme“ (nach dem griechischen „rhythmus“), und so weiter. Diese Buchstaben wurden auf Englisch nie ausgesprochen.

Doch die Wissenschaftler lagen nicht immer richtig. So wurde zum Beispiel das „s“ in „island“ eingefügt weil sie glaubten, das Wort stamme vom lateinischen „insula“ ab  – während es im Gegenteil ein sehr altes englisches Wort ist.

Zur selben Zeit wurden unlogische Änderungen in anderen Bereichen der englischen Rechtschreibung vorgenommen. Das „ght“ in “night“ und „light“ wurde ausgedehnt auf „delight“ und „tight“ – jedoch nicht auf „spite” and „ignite”, zum Beispiel.

Die Wissenschaftler versuchten, aus Englisch eine ordentlichere Sprache zu machen. Doch schlussendlich wurde sie eher noch chaotischer.

Das US des A

USAPhoto: JimmyMac210

Die moderne amerikanische Rechtschreibung unterscheidet sich von der britischen. Dies verdankt man hauptsächlich Noah Webster, dessen Namen Sie vielleicht auf dem Umschlag der amerikanischen Wörterbücher erkennen. In seinem ersten, 1828 erschienenen amerikanischen Wörterbuch listete er Wörter wie „color”, „honor” and „favor”,  auf, die alle im britischen Englisch ein „u“ enthalten.

Das war ein Versuch, den französischen Einfluss auf die englische Sprache auszurotten! Heute bringt es einfach ein bisschen mehr Verwirrung für die Lerner.

Warum unternimmt Niemand etwas für die englische Rechtschreibung?

Nun, hauptsächlich weil man sich über das Vorgehen nicht einigen kann.

Im Laufe der Jahrhunderte gab es viele Verfechter einer Rechtschreibereform. Die berühmtesten unter ihnen waren Bernard Shaw und Teddy Roosevelt. Doch das Thema ist seit Jahrzehnten nicht mehr an der Tagesordnung  und wird in nächster Zeit auch kaum wieder auftauchen.

Heute schaut ja die automatische Rechtschreibekorrektur zu uns.

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